Round table
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Kultur isst Strategie zum Frühstück

Was Unternehmer wollen

Österreich ist eine Exportnation, mehr als die Hälfte unseres Wohlstandes wird von international orientierten österreichischen Unternehmen im Ausland erwirtschaftet. Aber welche Länder beherbergen das Wachstum der Zukunft? Welche Hürden warten auf dem Weg zum internationalen Erfolg? Welche kann die Wirtschaftskammer wegräumen?

Moderation: Stefan Schatz

Wo warten die Exportchancen der Zukunft? Bleibt der zentral- und mitteleuropäische Markt (CEE) spannend? Wie können heimische Global Player von innovationsfreudigen Start-ups profitieren? Diese und andere Fragen diskutierten auf Einladung der Raiffeisenlandesbank OÖ WKO-Präsident Harald Mahrer, Pollmann-Geschäftsführer Herbert Auer, Polytechnik-CFO Alexander Joham und Thomas Oberngruber vom Enterprise Europe Network am Runden Tisch.

 

BUSINESS: 2019 JÄHRT SICH DER FALL DES EISERNEN VORHANGS ZUM 30. MAL. HABEN SIE DIE CHANCEN IN CEE GENUTZT?

Alexander Joham: Die Polytechnik stellt seit mehr als 50 Jahren Biomasseanlagen her. Unseren ersten Auslandsauftrag haben wir 1977 nach Ungarn geliefert. Bereits kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs haben wir dort eine Fertigungsstätte übernommen und in Polen eine Vertriebstochter gegründet. Ich denke, wir haben unsere Chancen gut genutzt. Umso bedauerlicher sind die Russland-Sanktionen, sie bremsen uns und helfen Nicht-EU-Ländern.

Herbert Auer: Pollmann ist im nördlichen Niederösterreich angesiedelt, es lag nahe, nach der Grenzöffnung einen Standort in Tschechien zu gründen. Es ist eine Win-win-Situation, denn es ist gelungen, beide Standorte zu stärken, indem wir hochautomatisierte Produktionsanlagen in Österreich haben und manuelle Tätigkeiten in Tschechien durchführen. Unsere Exportquote ist größer 95 Prozent, wir beliefern die Automobilhersteller von unseren Standorten in Österreich, Tschechien, den USA und China.

 

BUSINESS: GIBT ES ÜBERHAUPT NOCH UNGENUTZTE CHANCEN IM CEE-RAUM?

Thomas Oberngruber: Wir erleben ein Comeback von Osteuropa – je weiter man in den Osten geht, desto interessanter wird es. Bis 2008 war Goldgräber-Stimmung, dann kam nach der Wirtschaftskrise eine Seitwärtsbewegung. Seit 2016 sehen wir wieder viele Chancen im Osten.

Harald Mahrer: Wir sind in vielen CEE-Ländern unter den führenden Investoren. Aus unserer Historie haben wir ein spezielles kulturelles Verständnis für diese Regionen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, den viele internationale Unternehmen erkannt haben und ihre Europazentrale nach Österreich verlegten. Das ist für uns eine Zusatzchance zum ökonomischen Wachstumspotenzial der CEE-Märkte.

 

BUSINESS: NACH DEN OSTPIONIEREN KOMMEN DIE START-UPS. WIE UNTERSTÜTZT DIE WKO DEREN WEG ZUM EXPORTKAISER?

Mahrer: Wir wollen sehr technologisch agierende junge Gründer mit ihren Unternehmen an die Hand nehmen und in die jeweiligen Märkte hineintragen. Das macht unsere Außenwirtschaftsorganisation AWO, die Teil des Global Incubator Networks in Österreich ist, das wir gemeinsam mit der Bundesregierung betreiben. Ein Schwerpunkt liegt auf Asien mit seinem riesigen Wachstumspotenzial. Wir eröffnen auch ein neues Außenwirtschaftscenter in Vietnam, die am stärksten aufstrebende Region. Das Land ist auch für viele große produzierende Unternehmen interessant. Wir wollen dort Pfadfinder sein, Wegbegleiter und mit maßgeschneiderten Lösungen Coach vor Ort – auch für hoch spezialisierte, im Technologiebereich stark wachsende Unternehmen. Wir wollen die Start-ups aber auch intensiv mit unseren mittelständischen Marktführern zusammenbringen: Beide können von einander profitieren.

 

BUSINESS: ARBEITEN SIE SCHON MIT START-UPS ZUSAMMEN?

Auer: Wir denken darüber nach. Wir könnten von ihrer Innovationsfreudigkeit und ihrer neuen Arbeitsweltkultur profitieren. Wir könnten ihnen im Gegenzug die Türe in den Weltmarkt öffnen.

Joham: Unser Gründer ist ein sehr technologiegetriebener Unternehmer. Wenn jemand mit einer neuen Idee kommt, nimmt man ihn in die Firma und macht etwas gemeinsam.

Mahrer: Ich finde beide Ansätze gut. Es heißt, „Die Kultur isst die Strategie zum Frühstück.“ Wir brauchen für die kulturelle Veränderung zu mehr Offenheit in Unternehmen offene Innovationskultur, neue Prozesse und Arbeitsabläufe. Diesen frischen Wind von außen können Start-ups einbringen. Ein großer Mittelständler erzählte mir, dass er eine Fragestellung, auf die sein Betrieb seit fast drei Jahren keine Lösung fand, im Rahmen einer Challenge gelöst hat. Er hat 15 Start-ups zu einem Wochenende eingeladen, um das Problem gemeinsam zu diskutieren. Acht sind gekommen, keines war Spezialist für die offene Frage. Aber durch die unterschiedliche Herangehensweisen hat man eine Lösung gefunden. Das finde ich superschlau, wir haben für solche Kooperationen tolle Unterstützungsprogramme ins Leben gerufen.

Oberngruber: In Oberösterreich haben wir dafür Pier4, wo wir große und mittelständische Betriebe mit Start-ups vernetzen. Die Außenwirtschaft macht das internationale Scouting, damit wir die richtigen Start-ups finden. 14 Industriebetriebe sind bei Pier4 schon dabei.

Mahrer: Wir wollen österreichischen Unternehmen einen echten USP anbieten. Im Silicon Valley sind wir schon vertreten, jetzt setzen wir Schwerpunkte im Technologiebereich in Israel, Singapur, Südkorea, Hongkong, Japan und Vietnam. Das gibt es weder in Deutschland noch in den USA, da sind wir allen anderen um eine Nasenlänge voraus.

 

BUSINESS: WIE SIEHT IHR BIG PICTURE FÜR DIE AUSSENWIRTSCHAFT AUS? WELCHE INITIATIVEN MÖCHTEN SIE JETZT ANSTOSSE

Mahrer: Die Außenwirtschaftsorganisation AWO ist das Kronjuwel in unserer WKO-Familie. Dieses weltweit einzigartige, dichte Netzwerk wollen wir auch für Monitoring nutzen, um Trends in anderen Ländern rechtzeitig zu erkennen. Dieses Innovations-Know-how holen wir nach Österreich und stellen es den Unternehmen zur Verfügung. Büros in Europa, die man nicht mehr braucht, werden wir schließen und dafür in Ziel- und Absatzmärkte gehen, wo das Wachstum der Zukunft stattfindet.

 

BUSINESS: WAS SIND DENN IHRE WÜNSCHE AN DIE AWO?

Auer: Wir haben bei unseren Schritten ins Ausland immer sehr eng mit der AWO zusammengearbeitet. Das war für uns sehr wertvoll, weil man einfach schneller Türen öffnet, mit anderen Firmen in Kontakt tritt und so rasch die ersten Schritte schafft. Die AWO gab entscheidende Starthilfe.

Joham: Ich möchte auch die OeKB hervorheben, eine der besten Export- und Entwicklungsbanken weltweit. Die Außenwirtschaftscenter der WKO sind sowieso perfekte Anlaufstellen im Ausland: Man bekommt die ersten Adressen, Rechtsanwälte, Steuerauskünfte etc. Vor allem in China nützen wir die Expertise der AWO sehr intensiv.


BUSINESS: IST NATION BRANDING NOCH EIN THEMA, ALSO DIE ENTWICKLUNG EINER DACHMARKE FÜR DIE ÖSTERREICHISCHE WIRTSCHAFT IM AUSLAND?

Mahrer: Eine Brand „Made in Austria“ macht in einer gesamtheitlichen Betrachtung extrem Sinn. Andere Länder tun es auch. In einer immer dynamischeren und im globalen Wettbewerb befindlichen Wirtschaftslandschaft ist es notwendig zu fragen: Was macht uns aus? Das ist aber keine leichte Aufgabe, weil wir viele starke Partikularmarken haben, die man in einen gemeinsamen Nutzenraum zusammenführen muss. Unsere Mitgliedsbetriebe haben ebenso wie wir als Wirtschaftskammer das Interesse, dass Österreich von internationalen Unternehmen als qualitäts- und exzellenzorientierter, innovationsorientierter und hochwettbewerbsfähiger Standort wahrgenommen wird.

 

BUSINESS: POLLMANN UND POLYTECHNIK SIND BEIDE IN CHINA ERFOLGREICH. HALF DA DAS IMAGE ÖSTERREICHS?

Joham: Wir hatten das Glück, mit einem chinesischen Partner ein Joint Venture zu gründen. Er hat gesehen, dass wir als Österreicher sehr offen sind, das schuf die Vertrauensbasis. Unser Ruf als Technologieführer überzeugte ihn vollends – China will immer nur das Beste einkaufen. Unser „österreichischer Zugang“, unsere Innovationskraft und unser Wille, in China tätig zu sein, legten den Grundstein zum Erfolg.

Auer: Ich habe den Standort in China selbst mitaufgebaut, das österreichische Image war immer sehr, sehr gut. Wir werden ähnlich wie unsere deutschen Kollegen mit Technik und Genauigkeit assoziiert. Aber es muss schon der Gesamtmix aus gutem Produkt und persönlicher Beziehung zum Kunden stimmen, um erfolgreich zu sein.

 

BUSINESS: WERDEN ENTWICKLUNGEN WIE INDUSTRIE 4.0, INTERNET OF THINGS ODER 3D-DRUCK DAS EXPORTGESCHÄFT DRAMATISCH VERÄNDERN?

Auer: Das Thema Industrie 4.0 wird den Industriestandort Österreich stärken, weil dadurch die Personalkosten in den Hintergrund treten und die Qualität der Arbeit in den Vordergrund rückt. Manche Branchen werden deshalb wieder nach Österreich zurückkehren.

Joham: Bei uns ist die Innovation eher am Produkt, an der Technologie selber. Der hohe Automatisationsgrad ist in unserer Branche auf Grund vieler Einzelfertigungen nicht dringend notwendig.

Mahrer: Derzeit haben rund vier Milliarden Menschen Zugang zum Internet, 2030 werden es acht Milliarden sein. Das gibt der datengetriebenen Wirtschaft eine enorme Dynamik. In allen Geschäftsprozessen aller Unternehmen wird der Umgang mit Daten bedeutend sein und wie der Unternehmer daraus Erkenntnisse für Optimierungen im Betrieb gewinnt – vom Backoffice bis zur F&E, von der Innovation über Produktion, Service und Delivery, Maintenance und Kundenkontakt. Es gibt sehr viele Anwendungen, spannend ist die Kombinatorik. Wir brauchen andere Qualifikationen, Menschen, die die Maschinen bedienen können. Die Facharbeitskräfte werden neue Qualifikationen erlernen, um mit der Kombination von Technik etwa im Bereich Sensorik umgehen zu können, oder mit Künstlicher Intelligenz oder Big-Data-Analysen. Wir werden aber immer die menschliche Interpretationskraft, die Erfahrung, die Kreativität brauchen, um diese Maschinen nutzen zu können. Ich sehe viel mehr Chancen als Risiken. Wir müssen ethische Debatten führen, die Überwachungsfrage diskutieren, den Schutz der Kinder – aber kommen wird diese Entwicklung jedenfalls. Und das Geschäft weltweit verändern.

 

BUSINESS: WIE ENTSCHEIDEND IST INNOVATION FÜR EXPORTERFOLG?

Oberngruber: Ohne qualifizierte Mitarbeiter ist ein Unternehmen nicht innovativ, ohne Innovation kann man im internationalen Wettbewerb nicht bestehen.

 

BUSINESS: EIN GROSSES ZUKUNFTSTHEMA IST DAS WIRTSCHAFTLICHE POTENZIAL AFRIKAS. WARUM WIRD DAS VON HEIMISCHEN UNTERNEHMEN KAUM GENUTZT

Auer: Die Automobilindustrie ist in Afrika sehr überschaubar, es gibt dort kaum Kunden für uns, deshalb sind wir dort nicht vertreten.

Joham: Afrika ist für uns ein Hoffnungsmarkt. Unser Fokus wird in den nächsten fünf Jahren aber auf China und Südostasien liegen, weil dort Rechtssicherheit und Finanzierungsmöglichkeiten gegeben sind.

Mahrer: Afrika ist ein vielfältiger und herausfordernder Kontinent. Man braucht einen langen Atem, viel Geduld, man muss ein hohes Ausmaß an Vertrauen aufbauen, dafür ist Kommunikation notwendig. Der von Bundeskanzler Sebastian Kurz initiierte EU-Afrika-Gipfel war deshalb sehr wichtig. Natürlich ist Afrika ein Hoffnungsmarkt, unsere Unternehmen haben große Chancen im Infrastruktur-, Alternativenergie- und Mobilitätsbereich und in der Gesundheitswirtschaft. Was mir wichtig ist: Ich würde gerne europäische Gelder dort investieren, wo europäische Firmen profitieren, statt Infrastrukturprojekte zu fördern, die von chinesischen Unternehmen gebaut werden.

Oberngruber: Wir haben schon vor 20 Jahren Veranstaltungen mit dem Titel „Hoffnungsmarkt Afrika“ organisiert. Irgendwann wacht dieser schlafende Riese auf, Europa darf die Chancen nicht verschlafen.

 

BUSINESS: ERLAUBEN SIE MIR ZUM ABSCHLUSS NOCH DREI KURZE FRAGEN: IHR GRÖSSTER ERFOLG IN IHRER FUNKTION ODER EXPORTERFOLG

Mahrer: Unsere wichtigste strategische Ausrichtung liegt im Bereich Qualifikation und Bildung. Der Erfolg ist das breite Commitment der gesamten Organisation, sich darauf zu konzentrieren.

Joham: Dass wir 1977 in den Export gegangen sind. Marktdiversifikation und Innovation machen die Stärke von Polytechnik aus.

Auer: Uns ist es gelungen, das Unternehmen in den letzten 20 Jahren international breit zu positionieren und den Weltmarkt zu bedienen. Darauf sind wir stolz.

Oberngruber: Der jährliche oberösterreichische Exporttag bringt das ganze Export-Ökosystem zusammen. Dieses Netzwerk kommt bei Unternehmen sehr gut an.

 

BUSINESS: IHR GRÖSSTES LEARNING

Mahrer: Man muss viel Geduld haben; im öffentlichen Bereich dauern die Dinge einen Tick länger als in der Privatwirtschaft.

Joham: Wir lernen täglich. Jedes Projekt ist anders, es gibt immer andere Themen zu lösen. Man muss das Learning mit einem klassischen Abschlussgespräch in die Organisation tragen. Das Zweite ist: Ohne Innovation wird man international schnell austauschbar.

Auer: Das größte Learning ist, international wettbewerbsfähig zu sein, neue Technologien einzusetzen und qualifizierte Mitarbeiter zu finden.

Oberngruber: In unserem Exportnetzwerk muss sehr viel mit Partnern abgestimmt werden. Das klingt sehr mühsam, aber nur durch die laufende Diskussion kommt man von der Kooperation zur Kollaboration und bleibt in der Gruppe auf die Ziele fokussiert.

 

BUSINESS: WAS SIND DIE HERAUSFORDERUNGEN DER NÄHEREN ZUKUNFT?

Oberngruber: Das Enterprise Europe Network hat bis 2020 konkrete Aufträge mit klaren Zielen. Was danach passiert, entscheidet sich auch bei der Europawahl im Mai. Man muss nur an den Brexit denken, um festzustellen, dass sich die Rahmenbedingungen ändern werden. Wir müssen die Organisation so flexibel und adaptiv halten, dass wir uns den jeweiligen Rahmenbedingungen schnell anpassen können.

Joham: Das Projektgeschäft ist volatil, unsere Aufgabe ist, Auftragsspitzen und Phasen schwacher Nachfrage zu glätten.

Auer: Man muss den unternehmerischen Mut haben, neue Wege zu gehen und Sachen auszuprobieren. Dann ist man international erfolgreich.

Mahrer: Neben den angesprochenen Schwerpunkten wollen wir die WKO-Dienstleistungen auf Exzellenzniveau heben. Entlastung ist auch ein wichtiges Thema. In diesem Land steckt so viel Potenzial, wenn unsere Mitgliedsbetriebe das bürokratische Korsett ablegen können, sind sie nicht mehr aufzuhalten. Und wir werden in den Aus- und Weiterbildungsbereich noch mehr investieren. Bereits jetzt sind es 370 Millionen Euro jährlich, bis 2030 wird es rund eine halbe Milliarde sein.

business: Herzlichen Dank für das Gespräch.