Gebaute Utopien
Gebaute Utopien

"Kleinigkeiten haben eine große Auswirkung auf den Wohnkomfort." (Gernot Schöbitz, Vorstandsvorsitzender der KONE AG)

Gebaute Utopien

Klimawandel, Digitalisierung und Urbanisierung erfordern ein radikales Umdenken in Architektur und Bauwirtschaft.

Wenn die Bewohner morgens aufwachen, hat sich das Haus bereits der Morgensonne zugedreht. Und wenn sie abends heimkommen, sieht ihr Wohnhaus wieder anders aus, nicht nur wegen der tief stehenden Sonne: Es erkennt die Stimmungslage der Menschen nach einem anstrengenden Arbeitstag und versucht sich anzupassen; innen und außen wandelt sich das kluge Gebäude ständig. Allerdings handelt es sich bei diesem „living­piece of architecture“ vorläufig nur um einen konzeptuellen Entwurf von Julian Jauk vom Institut für Architektur und Medien der TU Graz. Bis zu einer Realisierung ist es noch ein weiter Weg, aber die Richtung ist vorgegeben: Genau solche Utopien sind es, die Architektur, Bauwirtschaft und Immobilienbranche jetzt brauchen – schließlich befinden sich diese Sparten gleich aus mehreren Gründen in einem gewaltigen Umbruch, da fallen visionäre Ideen auf fruchtbaren Boden. Klimawandel, Digitalisierung, Ressourcenschonung und Urbanisierung sind die Auslöser des Wandels, der das Aussehen der Gebäude und ganzer Städte grundlegend verändern wird.

KÜHLEN STATT HEIZEN

Extrem heiße Sommer sind auch in Österreich keine Ausnahme mehr. Tatsächlich ist die Vermeidung sommerlicher Überhitzung laut der Expertenbefragung „Zukunft Bauen 2018“ die größte Herausforderung für den heimischen Bausektor. Doch darauf sind die Gebäude, in denen wir wohnen und arbeiten, unzureichend vorbereitet, liegt doch der Fokus derzeit auf dem Heizen statt auf dem Kühlen. Einige Projekte zeigen, in welche Richtung es geht: So entsteht in den Niederlanden das sogenannte ReGen-Dorf, das mehr Energie erzeugt als verbraucht. Glashäuser an den Wohnhäusern dienen der Lebensmittelproduktion; Pflanzen und Fische werden in speziellen Behältern gezüchtet. Der Wandel von Architektur und Wohnen in Richtung Klimaschutz findet aber auch im Kleinen statt: Die „Wohnwagons“ eines österreichischen Start-ups beispielsweise fungieren als mobile und zugleich luxuriöse Unterkünfte, die von der Stromversorgung und anderen Anschlüssen völlig unabhängig sein können. Gefragt sind auch neue Materialien – allen voran könnte sich Holz als Baustoff wieder etablieren, und zwar durchaus für größere Objekte. In der Seestadt in Wien-Aspern wird derzeit das 24 Stockwerke hohe HoHo-Haus gebaut, das rund um einen Stahlbetonkern zu drei Vierteln aus Holz besteht. Neben einem angenehmen Raumklima soll sich das auf die Klimabilanz auswirken, denn der nachwachsende und in Österreich zur Genüge verfügbare Rohstoff hilft dabei, CO2 einzusparen.

Die Menschen zieht es weltweit in die Ballungszentren – das hat Folgen. 2018 leben drei Viertel der Weltbevölkerung in Städten, die nur drei Prozent der Oberfläche besetzen. Enormer Energieverbrauch, ungünstiges Mikroklima und sinkende Lebensqualität können die Folgen sein, wenn wie bisher geplant und gebaut wird. Die viel zitierte Smart City soll helfen: Verkehrsströme, die Energieversorgung und die gesamte CO2-Bilanz einer Stadt sollen mit diesem Konzept optimiert werden. Klüger und grüner soll auch der einzelne Haushalt werden: Vernetzte Geräte, Sensoren und das Internet der Dinge sind die Voraussetzungen für das Smart Home. Licht, Heizung und Kühlung können aus der Ferne via Smart­phone reguliert werden. 

Listen to machines talk

DER TWITTERNDE AUFZUG

Den Übergang vom einzelnen Smart Home zur Smart City schafft die Gebäudetechnik: Dank Vernetzung und Einsatz von künstlicher Intelligenz werden Ressourcen geschont und Kosten gesenkt. So bringt KONE, ein weltweit führender Hersteller von Aufzügen und Rolltreppen, mit seinem „Residential Flow“ genaue Informationen über das Gebäude aufs Smartphone. Damit kann etwa Besuchern der Zutritt ins Haus erlaubt werden, der Aufzug hält gleich im richtigen Stockwerk. „Um KONE Residential Flow zu entwickeln, haben wir mehr als 200 Facility-Manager, Projektentwickler und Gebäudebewohner weltweit befragt. Dabei haben wir herausgefunden, dass es oft die Kleinigkeiten sind, die eine große Auswirkung auf das Komfort-Level der Bewohner haben: eine Tür zu öffnen, wenn man die Hände voller Einkaufstaschen hat, oder eine Lieferung annehmen zu wollen, wenn man nicht zu Hause ist. KONE hat auch den ersten Aufzug im Einsatz, der auf Twitter über seine Aktivitäten berichtet. Dahinter steckt mehr als ein Gag: Im Facility-Management senken Geräte und Systeme, die selbstständig über notwendige Wartungen berichten, den Aufwand.